Sich gut zu kennen kann Fluch und Segen sein.
Wenn dich jemand gut kennt und dir genau das gibt, was du gerade brauchst, ist es wunderbar.
Allerdings birgt das sich gut kennen auch viel Konfliktpotential und wie wir uns schwierige Situationen noch schwieriger machen können mit dem vermeintlichen Wissen des gut Kennens, darum soll es in diesem Beitrag gehen.
Mit Hilfe einer Metapher zeige ich euch auch einen Ausweg aus der möglichen Abwärtsspirale.
Achtung – das könnte brenzlig werden
Manchmal genügen kleine Warnzeichen bei einer vertrauten Person, um vorsichtig zu werden.
Vorsichtig kann nützlich sein. Es kann dazu führen, dass wir uns gut überlegen, was wir sagen oder wie wir handeln. Wir können sensibel und fürsorglich sein, wenn wir wissen, dass es für die andere Person eine herausfordernde Situation ist.
Wenn die Warnzeichen darauf hindeuten: Achtung es könnte zu einem Konflikt kommen, wird es möglicherweise schwierig. Wer möchte schon gerne erneut in eine typische Konfliktfalle geraten?
Klingt jetzt einfach, wenn es Warnzeichen gibt, diesen Konflikt zu vermeiden?
Wenn du eine Idee hast, wie du dich stattdessen verhalten kannst, ist das natürlich eine Chance. In dem Moment reagierst intuitiv aus dem Wunsch heraus, die Situation nicht eskalieren zu lassen.
Falls du jetzt durch entspannte Reflexion auf alternative Handlungsmöglichkeiten kommst, probiere diese beim nächsten Mal aus. [Über diesen Weg der Musterunterbrechung habe ich neulich bereits geschrieben]
Versuch der Konfliktvermeidung
Nach Erkennen des Warnsignals versuchst du bewusst oder unbewusst den Konflikt zu vermeiden, indem du
- dich dem Kontakt entziehst, emotional oder auch die Situation verlässt
- übervorsichtig in deinen Reaktionen wirst
- gereizt reagierst
- oder eine andere Strategie anwendest, die dir in diesem Moment nützlich erscheint
Die Situation zu verlassen kann die Situation für den Moment entschärfen, wenn die andere Person dieses Verhalten akzeptiert. Eine gereizte Reaktion brauchen wir an dieser Stelle nicht vertiefen, wie es hier zu einer Eskalation kommen kann, dürfte nachvollziehbar sein. Die anderen Strategien sollen andeuten, dass ich mit diesem Beitrag nicht alle möglichen Verhaltensweisen abdecken kann.
Natürlich kann es auch durchaus sein, dass Konfliktvermeidung nicht dein Ziel ist, aber das ist ja mein Thema in diesem Beitrag. Wie immer gilt, es könnte auch alles ganz anders sein.
Eskalation
Ein innerer Rückzug oder ein übervorsichtiges Verhalten haben eine Wirkung auf die andere Person.
Wenn ihr euch sehr gut kennt, reichen kleine Hinweise aus. Warnsignale können nonverbal sein, ein Blick, ein Zucken, ein Geräusch, ein Abwenden … Diese werden auch eher unbewusst ausgesendet, es ist eine Reaktion auf die Ausgangssituation. Wie bereits erwähnt, kann das eine Chance sein. Es kann die Eskalation aber auch beschleunigen.
Wir reagieren immer aufeinander, teilweise minimal und nonverbal und auf diese Reaktion erfolgt eine Interpretation, die eine weitere Reaktion hervorruft. Wenn wir einmal in einer negativen Interpretation des Verhaltens der anderen Person unterwegs sind, genügen weitere kleine Hinweise, um diese Annahme zu bestätigen. Dieser Prozess kann auch in einer Reflexion fortgeführt werden. Findet diese ausschließlich alleine, ohne Rücksprache statt, können sich Fehlannahmen über die inneren Vorgehensweise der anderen Person verhärten. Wer sich gut kennt, ist sich da ja auch besonders sicher. Und wenn es sich wiederholt, verstärken sich sowohl die Annahmen, als auch das Muster.
Die Erwartung einer Verletzung, kann diese hervorrufen oder beschleunigen. Es ist dabei irrelevant, ob ihr recht habt mit den Erwartungen oder nicht, sie wird eintreffen, weil ihr euch entsprechend verhaltet. Eine vorweggenommene Reaktion kann die Handlung auslösen. Die Annahme wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung
Kennst du die Situation, in der du jemanden darauf hinweist, dass die Stimme lauter wird? „Ich schreie dich nicht an“, kommt dann möglicherweise als Antwort und diese noch einmal deutlich lauter. Wenn du dann darauf hinweist, kann die Antwort lauten: „Ja jetzt, weil du mich wütend machst.“
Um die Frage nach Schuld geht es nicht. Das war damals in meiner Kindergarten- bis Grundschulzeit mal eine relevante Frage: Wer hat denn angefangen?
Habe ich damals schon als wenig hilfreich erlebt.
Reaktions-Muster entstehen
Kleine Hinweisreize werden wahrgenommen, teilweise korrekt, teilweise missverständlich. Der tatsächliche Auslöser kann absolut harmlos sein und gar nichts mit der anderen Person zu tun haben.
Möglicherweise ist eine Person unsicher, nervös, fühlt sich unwohl mit der Ausgangssituation. Ihre Anspannung hat etwas mit ihren eigenen Themen zu tun und gar nichts mit dir als Person.
Möglicherweise spielt der Faktor eurer Beziehung zueinander einen Einfluss, der einen Unterschied macht, als wenn eine fremde Person dabei wäre. Möglicherweise wird die Anspannung verstärkt, eben weil ihr einander wichtig seid und die Meinung besonders zählt oder weil bestimmte Hoffnungen oder Erwartungen vorhanden sind. Einander zu kennen kann eine Chance sein, für Beistand, Entlastung, Unterstützung oder dafür zu wissen, was die andere Person hgerade braucht.
Vielleicht nimmt die Person ebenfalls wahr, dass es sich um eine Situation handelt, in der es häufiger zu Konflikten zwischen euch kommt.
Es gibt ein Zeitfenster, in dem die Möglichkeit besteht, das vertraute Eskalations-Muster zu unterbrechen. Dies erfordert ein bewusstes aktives Handeln und bei bereits entwickelten Mustern, braucht es sehr wahrscheinlich eine Selbstrelfexion oder ein gemeinsames Gespräch.
Wenn du auf das Warnsignal reagierst, wie du es immer tust, auch wenn dies in der besten Absicht passiert, wird es wahrscheinlich zu genau dem führen, was du zu vermeiden versuchst.
Schauen wir uns die Situation mit Hilfe einer Metapher an, aus der sich ein möglicher Ausweg bietet. Nochmal zur Erinnerung, es geht hier um Situationen zwischen Personen, die sich gut kennen und die immer wieder im selben oder ähnlichen Kontext in ein Konfliktmuster geraten.
Eine Metapher aus der Paartherapie
Beide ziehen in der Kommunikation einen Schutzanzug an. Die eine Person bereits früh, weil die Situation etwas in ihr auslöst, die zweite, weil sie Warnsignale wahrnimmt, die möglicherweise durch Anlegen des Schutzanzuges ausgelöst werden.
Der Schutzanzug macht euch unbeweglich und unnahbar. Statt der erwünschten Unterstützung, einer Ermutigung oder emotionalem Beistand, erfährt die erste Person eine Distzanz, nimmt etwas negatives wahr, was auf die Anspannung der anderen Person, die auf das Warnsignal reagiert, zurück zu führen ist.
Dieser Schutzanzug funktioniert wie ein Ganzkörperkondom. Die Funktion eines Kondoms ist Schutz – absolut sinnvoll. Je dicker das Material, desto gedämpfter die Empfindung.
Intimität geht auch mit Unsicherheiten und Scham einher. Meist geht es dabei auch um ein sanftes gegenseitiges Entkleiden …
Und dieser Teil der Metapher könnte hilfreich sein für einen Ausweg:
Was braucht ihr, um den Schutzanzug sanft und Stück für Stück abzulegen? Was gibt euch Sicherheit in intimen Situationen? Was verschafft euch Vertrauen?
Denk daran, ihr kennt euch sehr gut! Ihr steht euch nahe und bedeutet einander viel. Was hilft in anderen Situationen, Intimität zuzulassen, dies kann auch ein Gespräch sein, in dem ihr euch verletzlich zeigt.
Vielleicht legst du den Schutzpanzer nach dem Warnsignal an, um dich selbst zu schützen, vielleicht auch, zum Schutz der anderen Person. Wahrnehmen wird diese eher ersteres, dass es dir nur um dich geht und er oder sie dir nicht wichtig ist in dem Moment, denn du zeigst die erwünschte Reaktion nicht. Auch das trägt zur Eskalation bei, unerfüllte Erwartungen.
Wie viel Schutz braucht es und wie viel Verletzlichkeit kannst du riskieren, um nahbar zu sein? Und was würde der anderen Person helfen?
Möglicherweise kann diese Metapher hilfreich sein, um das Gespräch zu suchen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Eine Metapher ermöglicht anders über ein Thema zu sprechen, als in gewohnter Weise. Wenn Muster sich etabliert haben, lassen sie sich nicht mal eben durchbrechen. Eine andere Perspektive kann da nützlich sein.
Probiere es mal aus. Falls Intimität und Kondome dir unpassend erscheinnen, probiere es mal mit einer anderen Metapher. Der Schutzanzug könnte auch ein Raumanzug sein, der eines Imkers oder … Diese lassen sich oft nicht leicht ablegen und es braucht eine Veränderung, um sich sicher genug zu fühlen, ihn nicht mehr tragen zu müssen, oder schon mal den Helm abzusetzen, was ermöglicht, das Gesicht zu sehen.
Völlig andere Metaphern für die Konfliksituation findest du im Bereich der Natur, wie Wetter oder Ozeane. Vielleicht passt eher was aus Märchen, Technik, Sport oder einerm anderen Bereich, in dem ihr euch beide auskennt. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Und wenn das nicht hilft …
… melde dich gerne bei mir. Am besten kommt ihr zu zweit, egal ob ihr ein Paar seid oder in einer anderen Beziehung zueinander steht.
In der Paartherapie erlebe ich immer wieder, dass es einen Unterschied macht, wenn nicht direkt miteinander gesprochen, sondern mir ein Problem geschildert wird. Die andere Person hört zu, hat damit einen anderen Abstand zum Gesagten, allein diese Musterunterbrechung kann schon einen Effekt haben.
