„Angst ist ein schlechter Berater“, sagte neulich jemand in einem Gespräch.

Sollten wir nicht auf unsere Angst hören, sondern lieber mutig sein?

Was ist das Problem mit der Angst?

Kurze Antwort

Angst verleitet uns zu Vermeidungsverhalten.

Vermeidungsverhalten hält die Angst aufrecht. Es kann gelingen sie zu ignorieren, aber sie ist nicht weg.

Ein Weg aus der Angst führt durch die Angst.

Angst hat eine Information für uns

Mag sein, dass uns die nicht gefällt. Es kann wertvoll sein, hinzuschauen, zu verstehen und bewusst zu entscheiden, wie wir handeln wollen.

Angst ist keine Entschuldigung für Diskriminierung

Angsterfahrung -> Generalisierung -> Diskriminierung einer Gruppe von Menschen -> Angst steigert sich

Diesen Teufelskreis gilt es dringend zu durchbrechen, auch für dich selbst.

kleines rotes Monster und eine Frau, die sich die Hände vors Gesicht hält.<br />
Dialog in Sprechblasen.<br />
Monster: Ich bin deine Angst und ich habe eine Botschaft für dich.<br />
Frau: Geh weg, ich sehe dich nicht!

Was ist dein erster Impuls bei Angst?

Wir reagieren nicht alle gleich auf Angst und in verschiedenen angstauslösenden Situationen reagieren wir unterschiedlich.

Im Laufe des Lebens hast du gelernt, was für dich gut funktioniert und diese Strategien nutzt du weiterhin.

Kleine Kinder halten sich beisspielsweise die Augen zu. „Wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht.“ Als Erwachsene wissen wir, dass dies nicht funktioniert, das hält uns nicht unbedingt von dem Reflex ab, uns auf diese Weise zu verstecken.

Bei Angst wird im Gehirn eine schnelle Reaktion ausgelöst, quasi eine Abkürzung, die schnelles Handeln ermöglich. Das ist unser Fight-Flight-Freezing-System. Bei Angst reagieren wir mit Kampf, Flucht oder Erstarren. Je nach Situation werden uns dafür die köperlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt und es kommt reflexartig, abhängig auch von unserern Erfahrungen zu dem entsprechenden Verhalten.

Schau dir mal deine Reaktionen auf Angst an und prüfe ihre Nützlichkeit.

Dabei sei liebevoll mit dir und deinen Strategien. Bedenke, es sind auf neuronaler Ebene schnelle Reaktionen und sie haben dir bereits mindestens einmal geholfen.

Einige sind hilfreich, andere weniger. In einem angstfreien Moment kannst du auf deine vollen Gehirnfunktionen zugreifen, reflektieren und entscheiden, was für dich hilfreich ist und welche Muster du gerne verändern möchtest.

Angst als Ratgeberin

Kommen wir zurück zu dem Satz, die Angst sei ein schlechter Ratgeber.

Wenn Angst dich zu Verhalten verleitet, das unangemessen, verletztend oder auch nicht in deinem persönlichen Sinne ist, dann ist sie eine schlechte Ratgeberin.

Was konkret kann das sein?

  • Angst führt zu Vermeidungsverhalten
  • Angst führt dazu, dass du es erst Recht machst und ein Risiko eingehst
  • Angst führt zu anderen Emotionen, wie Aggression, die sich gegen andere richtet
  • Angst führt dazu, dass du nicht rational nachdenkst und eine schlechte Entscheidung triffst

Wie bereits erwähnt führt Vermeidung zur Aufrechterhaltung  der Angst. Kurzfristig kann es hilfreich sein, langfristig führt die Vermeidung zu weiteren Problemen.

Genausowenig hilfreich ist es, die Angst zu ignorieren und sich vermeintlich mutig in eine Handlung zu stürzen, vor der du eigentlich Angst hast. Es kann gut gehen. 

Angst ignorieren oder wegdrücken kann funktionieren, allerdings nur begrenzt. Sie staut sich auf, bis der Damm bricht …

Aggression ist keine hilfreiche Reaktion. In der Konsequenz wirst du oder andere Menschen verletzt, je nachdem gegen wen sich die Aggression richtet.

Und wie steht es mit den schlechten Entscheidungen? Im Moment der Angst geht es darum, die Sicherheit wieder herzustellen. Die Angst möchte gefühlt werden und sobald du dich wieder sicher fühlst, geht auch die Angst. Der Moment der Angst ist nicht geeignet, um weitreichende Entscheidungen zu treffen. Erst einmal versorgst du die Emotion, dann lässt du die Kognitionen wieder zu und triffst eine Entscheidung.

Angst zulassen und die Botschaft wahrnehmen

Was möchte die Angst dir sagen?

Angst ist zunächst einmal eine natürliche und wichtige Emotion. Angst warnt uns, sie beschützt uns vor Gefahr. Sie möchte gefühlt werden.

Wovor möchte die Angst dich warnen oder beschützten?

Vielleicht geht aber auch gar nicht um Gefahr, sondern um Unsicherheiten. Möglicherweise zeigt die Angst dir, dass dir etwas besonders wichtig ist.

Welche Botschaft hat die Angst für dich?

Je klarer die ist, desto eher ergibt sich daraus für dich auch eine Handlungsempfehlung. Und dann ist die Angst eventuell doch eine gute Ratgeberin, wenn du ihr zuhörst.

Wir neigen dazu, aus einer Angsterfahrung zu lernen.

Hat deine Angst etwas mit einer früheren Erfahrung zu tun? Vielleicht aus deiner Kindheit?

Ist es noch angemessen Angst zu haben und ist das vertraute Muster noch nützlich?

Was hat sich verändert? Welche Fähigkeiten hast du inzwischen entwickelt?

Nutze deine Ressourcen, um mit der Situation umzugehen.

Wovor hast du Angst?

Diese Frage finde ich wichtig. Oft steckt hinter der Angst noch ein weiteres Thema oder eine frühere Erfahrung.

Wer oder was macht dir Angst?

Ist das Gefühl in der aktuellen Situation angemessen?

Was hat dir in früheren ähnlichen Situationen geholfen?

Wer kann dich unterstützen?

Wenn du dir bewusst machst, wovor du Angst hast, schützt dich das auch vor einer Übergeneralisierung. Das bedeutet aus einer schlechten Erfahrung, ziehst du Schlussfolgerungen auf alles, was annähernd damit im Zusammenhang stehen könnte. Wie  genau die Konstruktion aussieht, wovor du Angst hast, kann sehr vielfältig sein.

Beispielsweise wollen dir nicht alle Menschen, denen du nachts begegnest, etwas böses. Die Herkunft eines Menschen sagt absolut nichts darüber aus, ob eine Person eine Bedrohung für dich ist. Gleichzeitig kann jemand, der harmlos wirkt, ein Straftäter sein. Wir können es nicht an äußeren Merkmalen erkennen. Das ist nur eine Facette, nach der wir kategorisierieren, eine die besonders problematisch ist, weil sie Konsequenzen für den zwischenmenschlichen Umgang miteinander hat.

Es ist okay Angst zu haben

Das ist mir wichtig noch einmal zu betonen. Wir alle haben Angst! Angst ist ein Gefühl. Angst passt auf uns auf!

Sie kann vergehen, wenn wir erkennen, dass keine akute Gefahr besteht.

Leider gibt es viele gute Gründe Angst zu haben, beispielsweise nachts alleine draussen rumzulaufen. Leider kann uns auch tagsüber etwas passieren. Das Haus nicht mehr zu verlassen oder alle Menschen bzw. bestimmte Gruppen als gefährlich zu betrachten, hilft uns dabei nicht. Es führt dazu, dass du dich anderen gegenüber feindselig verhältst. Passt das mit deinen Werten zusammen?

Was, wenn es eine Angststörung ist?

Angst, die über einen längeren Zeitraum bestehen bleibt, die übermäßig stark ist und nicht erklärbar, könnte ein Hinweis sein, dass sich eine Angststörung entwickelt.

Angststörungen sind gut behandelbar und es gibt verschiedene Ansätze dazu. Konfrontationstherapie, von der du vielleicht gehört hast, ist eine wirksame Behandlungsmöglichkeit der kognitiven Verhaltenstherapie. Ich bin systemische Therapeutin und biete keine Konfrontationstherapie an. Das Thema kommt in meinen MHFA-Kursen immer wieder zur Sprache und ich kann die Bedenken gut nachvollziehen.

Falls du Angst vor der Therapie hast, weil du fürchtest, du müsstest dich in der Sitzung, deiner Angst stellen, möchte ich dir drei Hinweise dazu mitgeben:

  1. Die Konfrontationstherapie ist wirksam und nicht die einzige Therapiemethode.
  2. Die Konfrontation selbst wird eingebettet in den therapeutischen Prozess und du wirst zu nichts gezwungen, was du nicht möchtest.
  3. Ein Weg aus der Angst heraus führt nur durch die Angst. Eine Auseinandersetzung mit den Emotionen bleibt nicht aus.

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