Was haben psychologische Beratung und Zwiebeln miteinander gemeinsam?

Bei beiden dürfen mal Tränen fließen und sie haben mehrere Schichten.

Was möglicherweise klingt wie ein Witz, hat Tiefe.

Die Metapher der Zwiebeln nutze ich häufiger in meinen Beratungsgesprächen, wenn Klient*innen den Eindruck haben, wir würden ein Thema erneut besprechen.

Dieses Erneut ist mehr als eine Wiederholung und dies ist einer der Aspekte, der Wegbegleitung vom eigenen Gedankenkreisen unterscheidet. Dieses immer wieder über dasselbe Thema nachdenken oder auch reden, ist vielen Menschen vertraut. Dann ist es oft immer wieder dasselbe und in der Beratung darf es jedes Mal ein wenig anders sein.

Holzbretchen mit ener weißen und einer roten Zwiebel. Die rote Zwiebel ist wie eine Torte angeschnitten, um die Ringe sichtbar zu machen Die weiße Zwiebel ist heil, die äußere Schicht liegt dahinter. Schale von beiden Zwiebeln liegt daneben.

Tränen

Beratung und Therapie sind nicht immer leicht und vergnüglich. Es darf auch mal weh tun. Tränen dürfen sein. Emotionen wollen gefühlt werden und der Weg aus der Trauer oder den Schmerz führt durch die Trauer oder den Schmerz.

„Sich ausheulen“ kann so abwertend klingen und es kann zugleich auch im Sinne des Wortes das sein – sich aus-weinen – also weinen bis es vorbei ist.

Erinnerst du dich an dein letztes aus-heulen? Ob mit oder ohne Tränen. Du hast alles gesagt. Die Tränen sind geflossen, bis keine mehr kamen.

Und was war dann? Wie hast du dich danach gefühlt? Besser, befreit? Leer oder ruhiger? Vielleicht auch fähig, dich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Jammern bringt doch nichts.

Noch so eine viel gehörte Aussage. Eine Alternative zum Jammern wäre, es sein zu lassen, den Impuls zu verdrängen, weiter machen, wegschauen, irgnorieren …

Was passiert dann? Das ungute Gefühl, der Ärger, das Leid, das worüber wir gerne gejammert hätten, verschwindet aus dem Bewusstsein. Das eigentliche Gefühl verschwindet nicht wirklich. Es wird verbannt, wo es sich verwandeln kann, wachsen kann, um uns dann später nochmal zu ärgern, zu quälen oder in anderer Form auszubrechen.

Also nicht jammern, nicht verdrängen und was stattdessen?

Konstruktiv verarbeiten und weil wir ja alle so wunderbar rationale Wesen sind, ist das so einfach – nicht.

Wie wäre es also mit sowohl als auch?

Wir geben den Emotionen ihren Raum, wir finden ein Ventil für Ärger, Frust, Trauer. Das können Tränen sein, das können körperliche Reaktionen sein. Wichtig ist, dass wir dabei niemanden verletzen.

Emotionen wollen gefühlt werden und dürfen auch umgelenkt werden. Dies vorzugsweise bewusst, statt unbewusst, denn sonst werden wir zum brodelnden Vulkan.

Wenn ich eine Zwiebel schäle, kommen mir oft, aber nicht immer die Tränen. Inzwischen lasse ich sie laufen. Falls es ganz schlimm wird und mir die Sicht verschwimmt, pausiere ich die Arbeit. Ansonsten gehe ich durch den Prozess durch. Wenn die Zwiebel fertig bearbeitet ist, wird es wieder besser, es hört auf und ich kann ein leckeres Essen genießen, denn ich esse sehr gerne Zwiebeln.

In der Beratung lasse ich Tränen ausdrücklich zu. Manche Menschen versuchen sie zu unterdrücken und nennen als Begründung, sie wollen weiter reden. Dann ermutige ich sie, sich einen kurzen Moment zu nehmen, denn dieser ist wertvoll.

Auch Jammern darf ab und zu ihren Raum haben. Manchmal nutze ich dafür eine meiner Sanduhren. Die Person darf einfach mal alles ungefiltert rauslassen, was gerade nervt, ärgert oder eben einfach zum jammern ist. Nach Ablauf der Zeit sage ich Stopp, lade zum Durchatmen ein.

Danach beginnen wir mit dem Bearbeiten der Themen. Dieses Vorgehen hat verschiedenen Personen gut getan.

Wir können emotionale Themen nicht einfach rational lösen.

Wie oft höre ich Variationen des Satzes: „Vom Kopf her, weiß ich das ja …“

Wir brauchen beides, den Weg durch die Emotionen und verschiedene Gedankengänge. Dabei auf jeden Fall ein paar neue Gedanke, damit es eben nicht ein ewiges im Kreis drehen ist.

Und damit kommen wir zu den Zwiebelschichten.

Die Zwiebel-Schichten

Was unterscheiden die Wiederholungen der immer selben Gedanken von den Wiederholungen im Beratungsprozess?

Es sind keine Wiederholungen derselben Gespräche, sondern Wiederholungen desselben Themas auf jeweils andeere Weise.

Es gibt Themen, bei denen gelingt es in einem Gespräch eine neue hilfreiche Idee zu entwickeln, einen nächsten ersten Schritt zu finden, mit dem die Klientin oder der Klient allein weiter arbeiten kann. Andere Themen sind komplexer. Diesen nähern wir uns aus verschiedenen Perspektiven oder sie sind hartnäckig und klopfen wiederholt an. Dazu gehören tief verwurzelte Überzeugungen, zum Beispiel nicht gut genug zu sein.

Methodenvielfalt und unterschiedliche verschiedene Perspektiven auf dasselbe Thema ermöghlichen einen ersten Unterschied zum vertrauten Gedankenkarussell, das Generieren von neuen Ideen und dem Wiederherstellen von Handlungsfähigkeit.

Bei wiederkehrenden Themen fällt mir noch eine weitere Veränderung auf und genau dafür ist mir die Zwiebelmetapher so nützlich.

Beim ersten Mal haben wir die oberste Schicht der Zwiebel freigelegt und bearbeitet. Mit jeder Wiederholung dringen wir tiefer, entdecken weitere Aspekte.

Nicht jedes Thema muss bis tief in den Kern hinein bearbeitet werden.

Nicht jede Zwiebel bringt uns gleichermaßen zum Weinen und manchmal lässt das Weinen auch während des Zwiebelschneidens nach.

Was ist deine Zwiebel?

Welche Zwiebel quält dich aktuell?
Nimmst du sie dir bereits Schicht für Schicht vor oder knibbelst du immer wieder an der Schale, ohne wirklich ins Thema zu gehen?

Wenn du magst, schauen wir uns deine Zwiebel mal gemeinsam an und du entscheidest, welches Gericht du daraus kochen möchtest, das dir auch schmeckt.

Hier findest du alle Rahmenbedingungen für meine Wegbegleitung. Zwischen Metaphern und Tränen darf es auch immer mal ein herzliches Lachen geben.

 

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